Der Nationalsozialismus und seine demokratische Instrumentalisierung

Der Nationalsozialismus und der Völkermord an den Juden sind entgegen anderslautenden Behauptungen sehr wohl erklärbar. Die Schwierigkeit dabei, wenn es denn eine gibt, ist nicht die Sache selbst, sondern deren Instrumentalisierung durch Nachkriegspolitik und Vergangenheitsbewältigung. Der Faschismus ist in der Demokratie bekanntlich ständig präsent, als das negative Gegenbild zur Demokratie, die sich durch den interessierten Vergleich mit dem Faschismus immerfort selbst verklärt. Deswegen sind auch beide Systeme nur sehr verzerrt in diesem öffentlichen „Diskurs“ zugange, der Faschismus nicht als der real stattgehabte, sondern als ein Feindbild, und auch die Demokratie nicht als die real existierende, sondern eben als gegenläufiges Freundbild. Das führt schon in der Fragestellung zu sehr bezeichnenden Vorentscheidungen und Unterstellungen. Ein repräsentatives Beispiel:

„… die Frage, die Zeitzeugen und Historiker nunmehr seit 60 Jahren umtreibt: ‘Wie waren Hitler und der Nationalsozialismus möglich?’ … Bei der Eroberung der Macht durch die Nationalsozialisten gab es ein Ineinandergreifen von Gewalt und Verführung. Der Terror gegenüber politisch Missliebigen und Juden war eine Seite des Regimes. Die andere war ein Eingehen auf Sehnsüchte und Hoffnungen breiter Massen der Bevölkerung. Die Nationalsozialisten verstanden es offenkundig besser als ihre Konkurrenten, sich als Bollwerk gegen den umstürzenden gesellschaftlichen Wandel in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts darzustellen. Nur die Beachtung beider Aspekte des nationalsozialistischen Regimes bietet Ansätze für die Erklärung des Nationalsozialismus und seine dauerhafte Unterstützung bis zum Kriegsende durch große Teile der Bevölkerung. …
Diese Zeitspanne wurde geprägt von einem deutschen Diktator, der fast bis zu seinem Ende auf eine gläubige Gefolgschaft und Zustimmungsbereitschaft der großen Mehrheit der Deutschen setzen konnte, der einen Völkermord und einen Krieg anstiftete und damit einen der größten Zivilisationsbrüche der Neuzeit verursachte. Wie konnte er mit seiner Massenbewegung einen hoch entwickelten und modernen Industriestaat mit einer großen kulturellen Tradition unter seine diktatorische Gewalt bringen? Wie war es möglich, daß die überwiegende Mehrheit der Deutschen sich mit diesem Unrechtsregime arrangiert hat? Wie konnten sich in einer solchen Gesellschaft mit ihrer rechtsstaatlichen Tradition und ihrer technisch-wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit derartige kriminelle Verfolgungs- und Vernichtungsenergien entfalten, wo doch die Kriminalitätsrate dieser Gesellschaft bis dahin nicht höher war als die in den anderen europäischen Ländern? …
Denn zu einzigartig und unvorstellbar sind die Massenverbrechen, die vom nationalsozialistischen Deutschland begangen wurden. Auch wenn die Fakten längst bekannt sind, wird es immer schwer sein, die nationalsozialistische Eroberungs- und Vernichtungspolitik begreiflich zu machen, sie mit unseren sprachlichen und wissenschaftlichen Mitteln zu erklären, ohne sie dabei zu verharmlosen.“ (Informationen zur politischen Bildung (Heft 251) Nationalsozialismus I, (Deutsche) Bundeszentrale für politische Bildung, 2003)

Muss man denn daran erinnern, dass die nationalsozialistische „Eroberung der Macht“ auf sehr bekannte Art und Weise erfolgte, nämlich durch demokratische Wahlen und die anschließende Bildung einer Regierungskoalition? Erfüllt es nicht den Tatbestand der Desinformation, wenn der NSDAP nachgesagt wird, sie hätte sich als „Bollwerk“ gegen ein Geistersubjekt namens „gesellschaftlicher Wandel“ präsentiert – durchaus in Kenntnis dessen, dass der Terror dieses „Bollwerks“ gegen ganz andere „Missliebige und Juden“ offenbar „Sehnsüchte und Hoffnungen breiter Massen der Bevölkerung“ bediente, weswegen die „gläubige Gefolgschaft und Zustimmungsbereitschaft der großen Mehrheit der Deutschen“ auch wieder kein großes Rätsel ist? Der Führer und die Geführten waren sich also im Grundsätzlichen durchaus einig – es fragt sich angesichts solcher schrägen „Informationen zur politischen Bildung“ höchstens, worin und warum!
Warum sollte außerdem eine „moderne Industrie“ und eine „kulturelle Tradition“ ein Gegensatz zu „Diktatur“ sein, wie die „Bundeszentrale für politische Bildung“ hier unterstellt – Industrie und Kultur per se antifaschistische Errungenschaften, ja inwiefern denn? Ein derartiges „Unrechtsregime“ hätte obendrein angesichts einer „rechtsstaatlichen Tradition“ und einer nur durchschnittlichen „Kriminalitätsrate“ bei den ordentlichen Deutschen doch gar keine Chance haben dürfen – ist diese Entpolitisierung des Nationalsozialismus nicht schon richtiggehend einfältig bzw. grenzt das nicht an bewusste Irreführung, so als wäre Hitler nicht wahlkämpfender Politiker, gewählter Reichskanzler und Oberbefehlshaber einer Armee gewesen, sondern eine Art Krimineller, ein Serienmörder, der durch eine Kombination unglücklicher Umstände an die Staatsmacht gelangte, und dadurch leider unbehelligt seinen letztlich unpolitischen perversen Neigungen frönen konnte?
Schließlich: Wieso sollte denn ausgerechnet die Erklärung der „nationalsozialistischen Eroberungs- und Vernichtungspolitik“ die Gefahr der „Verharmlosung“ in sich bergen? Alles „verstehen“ heißt alles „verzeihen“? Aber doch nie und nimmer! Gerade wenn einen die Monstrosität der Leistungen des Dritten Reiches in Sachen Menschenvernichtung schwer beeindruckt, wäre das Wissen um deren Gründe doch unverzichtbar …
Darüber ist also zu reden, und gern auch über allfällige Zusammenhänge mit sehr gegenwärtigen Vorkommnissen, als da wären Rassismus, die aktuellen Deportationen Missliebiger, das Anzünden von Lichtlein gegen Rechtsradikale im Parlament und Demonstrationen gegen Burschenschafter ausgerechnet dann, wenn die im Fasching kollektiv komasaufen. Und: Ist die gesetzliche Untersagung des Faschismus tatsächlich ein Mittel gegen ihn – gibt es Faschismus immer nur dann, wenn er nicht rechtzeitig verboten wird?

Freitag 14.12.2012 um 19:00
Spektral, Lendkai 45, Graz

Es besteht die Möglichkeit sich einen Text zukommen zu lassen, will man sich schon vorher mit den Argumenten auseinandersetzen.